Autoren: Laura Moritz, Riccardo Spada, Jens Rommel, Tobias Dalhaus, Simone Cerroni*
Landwirtschaftliche Betriebe müssen viele risikobehaftete Entscheidungen treffen und der Einsatz von Düngern ist eine davon. Zum Zeitpunkt der Düngung ist die Ernte, ungewiss. Extremwetter, Schädlinge und andere ertragsmindernde Ereignisse können die spätere Ernte negativ beeinflussen. Wenn Landwirtinnen und Landwirte zu wenig düngen, kann dies zu Erträgseinbußen führen. Eine zu hohe Düngung kann hingegen zu finanziellen Verlusten und Umweltschäden führen. Die oft herangezogene Erwartungsnutzentheorie in den Wirtschaftswissenschaften legt nah, dass Landwirtinnen und Landwirte ihre Düngungsentscheidung auf einer Abwägung zwischen Kosten und potenziellen Nutzen treffen, wobei das Risiko und ihre individuelle Risikobereitschaft die Entscheidung beeinflussen.
In unserem kürzlich veröffentlichten Artikel im Journal of Behavioral and Experimental Economics präsentieren wir einen konzeptionellen Rahmen und einen systematischen Literaturüberblick, um besser zu verstehen, wie Verhaltensfaktoren unter Risiko und Unsicherheit mit dem Einsatz synthetischer Stickstoffdünger (N) zusammenhängen.
Im konzeptionellen Rahmen skizzieren wir die wichtigsten Düngungsentscheidungen, die damit verbundenen Unsicherheitsquellen, Verhaltensfaktoren und Verhaltensmodelle, die zur Modellierung von Düngungsentscheidungen verwendet werden können. Zum Beispiel haben Landwirtinnen und Landwirte zum Zeitpunkt der Entscheidung oft kein vollständiges Wissen über die Wahrscheinlichkeiten schädlicher Ertragsereignisse oder Preisfluktuationen zwischen Düngung und Ernte. Außerdem könnten sie subjektive Wahrscheinlichkeitsannahmen treffen, die ihre Entscheidungen beeinflussen. Darüber hinaus neigen Landwirtinnen und Landwirte – wie alle Menschen – dazu, Wahrscheinlichkeiten verzerrt wahrzunehmen, indem sie sehr seltene Ereignisse überbewerten und die Wahrscheinlichkeit nahezu sicherer Ereignisse unterschätzen. Sie priorisieren eher die Vermeidung von Verlust als die Maximierung von Gewinnen oder bewerten zukünftige Ergebnisse mit einem irrational hohen Abschlag. All diese verhaltensbezogenen Präferenzen könnten bei der Modellierung der Düngungsentscheidungen der Landwirtinnen und Landwirte berücksichtigt werden
Vier Hauptaussagen ergeben sich aus unserem Literaturüberblick. Erstens befassen sich die meisten Studien ausschließlich mit Risikopräferenzen. In der Regel wird untersucht, ob risikoscheue Landwirtinnen und Landwirte mehr oder weniger Dünger verwenden als risikofreudige, wobei davon ausgegangen wird, dass sie dabei ihren Erwartungsnutzen maximieren wollen. Andere Verhaltensfaktoren und Verhaltensmodelle werden weitgehend ignoriert.
Zweitens wird häufig nicht gefragt, wie Landwirtinnen und Landwirte vom wirtschaftlichen Optimum abweichen. Überdüngen sie? Dünge sie zu wenig? Wenden sie den Dünger zu früh oder zu spät an? Wenige Studien befassen sich mit diesen Fragen und die Ergebnisse sind unterschiedlich.
Drittens werden Düngungsentscheidungen oft isoliert betrachtet, obwohl sie Teil eines größeren Zusammenhangs von Entscheidungen sind. Zum Beispiel könnten risikoscheue Landwirtinnen und Landwirte weniger Dünger verwenden und Kulturen wählen, die weniger Stickstoff benötigen, andere Fruchtfolgen anwenden oder intensive Bodenbearbeitung vermeiden. Das Ignorieren dieser Zusammenhänge kann zu falschen Schlussfolgerungen führen.
Viertens scheint der Austausch zwischen verschiedenen Forschungsfeldern begrenzt zu sein. Studien, die mathematische Modelle verwenden, beziehen sich selten auf Studien, welche Umfragen, ökonometrische Analysen oder Experimente zur Messung der Risikoeinstellungen von Landwirtinnen und Landwirte durchführen. Dadurch bleibt das Wissen oft isoliert innerhalb eines engen Feldes und wird nicht ausreichend über unterschiedliche Ansätze und Forschungsfelder integriert.
Unser Literaturüberblick zeigt, dass zukünftige Forschung über einfache Risikopräferenzen hinausgehen und ein breiteres Spektrum an verhaltensbezogenen Faktoren einbeziehen sollte. Sie sollte Unsicherheit und damit verbundene Verhaltensfaktoren bei der Analyse von Düngungsentscheidungen berücksichtigen. Darüber hinaus sollten Düngungsentscheidungen im Zusammenhang mit anderen landwirtschaftlichen Praktiken untersucht werden, um die Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Entscheidungen besser zu verstehen. Es besteht auch Bedarf an einer stärkeren Integration empirischer Verhaltensforschung und ökonomischer Modellierung.
Indem wir Lücken und übersehene Zusammenhänge aufzeigen, hoffen wir, gezieltere und praxisnahe Forschung zum Thema Düngen zu fördern. Unsere Ergebnisse fließen außerdem in unsere Arbeit im AgEnRes-Projekt ein, das sich mit der Erhebung von Daten zu Risiko- und Ambiguitäts-Präferenzen sowie mit Düngungsentscheidungen von europäischen Landwirtinnen und Landwirten beschäftigt.
Veröffentlichung:
Moritz, L., Spada, R., Rommel, J., Dalhaus, T., & Cerroni, S. (2026). Risikopräferenzen und andere (übersehene) verhaltensbezogene Faktoren bei Düngungsmanagemententscheidungen: Eine systematische Literaturübersicht. Journal of Behavioral and Experimental Economics, 102524. https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2214804326000169?via%3Dihub
*von Laura Moritz, Simone Cerroni (University of Trento), Riccardo Spada (Wageningen University and Research), Jens Rommel (Swedish University of Agricultural Sciences), Tobias Dalhaus (Wageningen University and Research, Rhine-Waal University of Applied Sciences). Kontakt: laura.moritz@unitn.it, simone.cerroni@unitn.it
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