Viviana Garcia, Niklas Möhring, Yanbing Wang und Robert Finger*
Beim Übergang zu nachhaltigen landwirtschaftlichen Produktionssystemen ist es eine zentrale Herausforderung, widersprüchliche politische Ziele miteinander in Einklang zu bringen. Ein wichtiges Beispiel ist die Verringerung des Herbizideinsatzes (um Ziele im Bereich Pflanzenschutzrisiko zu erreichen), was mit konservierender Bodenbearbeitung im Konflikt stehen kann, da diese oft stark von Herbiziden abhängig ist. Obwohl diese Art von Zielkonflikten aus agronomischer Sicht gut dokumentiert ist (siehe beispielsweise Soane et al. 2012; Wittwer et al. 2021), sind die tatsächlichen Verhaltensweisen der Landwirte und Landwirtinnen (wer nutz was) sowie die individuellen Merkmale und Präferenzen, die zur Überwindung solcher Zielkonflikte beitragen könnten, noch nicht gut dokumentiert und untersucht.
In einem neuen Artikel, der im „American Journal of Agricultural Economics” veröffentlicht wurde (Garcia et al. 2025), untersuchen wir die gemeinsame Nutzung der beiden Agrarumweltprogramme konservierende Bodenbearbeitung (Schonende Bodenbearbeitung von Hauptkulturen auf der Ackerfläche) und der Verzicht auf Herbizide im Ackerbau.
In unserer Analyse berücksichtigen wir Mulchsaat und Direktsaat. Während bei der Mulchsaat die Bodenbearbeitung nicht-wendend und nur oberflächig erfolgt, erfordert die Direktsaat nur eine minimale Bodenbearbeitung (es dürfen im korrespondierenden Direktzahlungsprogramm https://www.blw.admin.ch/de/produktionssystembeitraege höchstens 25 % der Bodenoberfläche während der Saat bewegt werden). Die Direktsaat stellt daher grössere Herausforderungen an die Bewirtschaftung, insbesondere an die Unkrautbekämpfung in herbizidfreien Systemen.
Unsere Analyse fokussiert sich auf den Weizenanbau in der Schweiz. Zu diesem Zweck verwenden wir eine Kombination aus detaillierten Umfragedaten zum Verhalten der Landwirte, Umwelt- und agronomischen Daten. Die Umfragedaten umfassen 1.073 Weizenproduzenten und -produzentinnen der IP Suisse. Dabei wurden in einer im Winter 2020/2021 durchgeführten Umfrage landwirtschaftliche Praktiken, einschliesslich der Nutzung von Programmen zum Bodenschutz und zum Herbizidverzicht, sowie strukturelle und verhaltensbezogene Merkmale der Betriebe erfasst (siehe Möhring und Finger, 2022). Ergänzend zu Umfragedaten haben wir in der Studie auch Zensusdaten aller Betriebe in der Schweiz für die Jahre 2019 bis 2022 analysiert.
In diesem Artikel beantworten wir die folgenden Fragen:
i. Inwieweit werden konservierende Bodenbearbeitung und herbizidfreie Produktion im Rahmen von Agrarumweltprogrammen gemeinsam umgesetzt?
ii. Was charakterisiert die Betriebe, die diese Systeme gemeinsam anwenden, und inwieweit werden die Entscheidungen zur Anwendung des Systems durch Faktoren des Betriebes oder der Landwirte bestimmt?
Unsere weitere Analyse basiert auf dem Konzept des subjektiven Nutzens, der sich sowohl auf wirtschaftliche Vorteile (z.B. Erlöse aus der Produktion, Kosten, Direktzahlungen) als auch auf nichtmonetäre Vorteile bezieht, die die Landwirte aus der Anwendung der Strategien ziehen. Nutzengewinne entstehen, wenn die Einführung eines Produktionssystems einen grösseren subjektiven Nutzen bringt als der Nutzen, der sich ergibt, wenn kein System eingeführt wird (d.h. weder konservierende Bodenbearbeitung noch herbizidfreier Anbau). Nutzengewinne können sich jedoch verringern (oder sogar zu Verlusten werden), wenn die Einführung der Systeme mit Ertragseinbussen, Investitionskosten, höheren Risiken usw. verbunden ist. Zwei Systeme werden als komplementär betrachtet, wenn der subjektive Nutzengewinn bei gemeinsamer Anwendung den Nutzengewinn bei isolierter Anwendung der einzelnen Systeme übersteigt.
Mithilfe einer Regressionsanalyse der beobachteten Entscheidungen von Landwirten und Landwirtinnen haben wir festgestellt, dass sie im Durchschnitt bei der Direktsaat nach der gemeinsamen Einführung mit einer herbizidfreien Produktion (absolute) Nutzeneinbussen hinnehmen, während sie bei der Kombination von Mulchsaat mit Herbizidverzicht im Mittel Nutzengewinne verzeichnen. Auch wenn im Durchschnitt subjektive Nutzengewinne aus der gemeinsamen Anwendung entstehen können, ist diese nicht unbedingt für alle optimal, sondern für mache entstehen Vor-, für andere Nachteile. Wir analysieren dies weiter unten im Detail. Unsere Analyse berücksichtigt, dass die Betriebe für ihre Teilnahme an Agrarumweltprogrammen (Produktionssystembeiträge) eine finanzielle Entschädigung erhalten, die den Nutzen der Systeme erhöht.
Darüber hinaus stellen wir fest, dass die beiden Systeme nicht komplementär sind. Nutzengewinne einer gemeinsamen Anwendung sind geringer als der summierte Nutzen der Einzelsysteme. Dies bestätigt Ergebnisse aus der agronomischen Literatur, wonach konservierende Bodenbearbeitung und herbizidfreie Systeme nicht vollständig kompatibel sind (vgl. z. B. Kudsk und Matthiassen 2020; Casagrande et al. 2016).
Tabelle 1: Gemeinsame Einführung von herbizidfreier Landwirtschaft und Bodenschutz (Koeffizienten einer Logit Regressionsanalyse)

Wer sind die Landwirte, die konservierende Bodenbearbeitung und herbizidfreie Produktion gemeinsam anwenden?
Unsere Ergebnisse zeigen, dass Verhaltensfaktoren der Landwirte und Landwirtinnen (Präferenzen, Ziele, Innovationsgrad) bis zu 26 % der gemeinsamen Einführung der Systeme erklären, während die verbleibende Variation (74 %) auf agronomische und strukturelle Merkmale des Betriebes (z.B. Betriebsgrösse, Bodentyp, Wetter, Unkrautdruck) zurückzuführen ist.
Risikofreudige Personen nehmen mit grösserer Wahrscheinlichkeit generell an den Programmen teil, aber insbesondere auch gemeinsam an beiden (siehe Tabelle 1, Zeilen 2, Spalte 1-3). Auch Personen die innovativen Praktiken gegenüber aufgeschlossen sind, übernehmen mit grösserer Wahrscheinlichkeit die konservierende Bodenbearbeitung und herbizidfreie Produktion zusammen (Zeile 7, Spalte 1) sowie die herbizidfreie Produktion allein (Spalte 3). Zudem nehmen Landwirte und Landwirtinnen, für die biologischen Vielfalt in ihrer landwirtschaftlichen Tätigkeit wichtig ist, wahrscheinlicher gleichzeitig am Herbizidverzicht und der konservierenden Bodenbearbeitung teil (siehe Tabelle 1, Zeile 5, Spalte 1 und 3). Landwirte, die sich an Produktionszielen wie Einkommen, Ertrag und Unkrautregulierung orientieren, führen dagegen mit geringerer Wahrscheinlichkeit die herbizidfreie Produktion ein und nutzen auch seltener konservierende Bodenbearbeitung und herbizidfreie Produktion gemeinsam (siehe Tabelle 1, Spalte 3).
Welche Bedeutung hat dies für Politik und Wirtschaft?
Bei der Gestaltung privater und öffentlicher Agrarumweltprogramme ist es zentral zu berücksichtigen, ob und unter welchen Bedingungen Landwirte teilnehmen und was mögliche Nebenwirkungen in anderen Umweltbereichen sind. Die Vermeidung von Zielkonflikten – beispielsweise zwischen der Reduzierung des Herbizideinsatzes und der Intensität der Bodenbearbeitung – ist daher von zentraler Bedeutung. Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass eine Kombination aus Mulchsaat und herbizidfreier Produktion häufiger umgesetzt wird und den Landwirten einen höheren (subjektiven) Nutzen bringt als eine Kombination aus Direktsaat und herbizidfreier Produktion. Insgesamt zeigt unsere Analyse aber, dass Herbizidverzicht und konservierende Bodenbearbeitung für die meisten Betriebe nur schwer miteinander vereinbar ist. Die Anwendung einer Kombination aus konservierender Bodenbearbeitung und herbizidfreier Produktion bietet jedoch einigen Landwirten (z. B. risikofreudigen und innovativen Landwirten) mehr Nutzen als anderen. Dies bedeutet, dass Zielkonflikte auf Betriebsebene berücksichtigt werden müssen und dass verschiedene Betriebe möglicherweise unterschiedliche Anreize benötigen, um beide Systeme gemeinsam anzuwenden.
Studie (open access): Garcia, V., Möhring, N., Wang, Y., & Finger, R. (2025). Farmer behavior toward herbicide‐free agriculture and conservation tillage. American Journal of Agricultural Economics.http://doi.org/10.1111/ajae.12550
*Autoren: Viviana Garcia (ETH Zürich), Niklas Möhring (Uni Bonn), Yanbing Wang (Agroscope) und Robert Finger (ETH Zürich) Kontakt: Robert Finger (rofinger@ethz.ch )
This blog post was originally published on the Agrarpolitikblog on June 6th, 2025: https://agrarpolitik-blog.com/2025/06/06/das-betriebliche-entscheidungsverhalten-zwischen-herbizidfreier-landwirtschaft-und-konservierender-bodenbearbeitung/
Referenzen
Casagrande, Marion, Joséphine Peigné, Vincent Payet, Paul Mäder, F. Xavier Sans, José Manuel Blanco-Moreno, Daniele Antichi et al. 2016. „Organic Farmers‘ Motivations and Challenges for Adopting Conservation Agriculture in Europe.“ Organic Agriculture 6: 281-295.
Kudsk, Per, und Solvejg Kopp Mathiassen. 2020. „Pesticide Regulation in the European Union and the Glyphosate Controversy“. Weed Science 68(3): 214-222.
Möhring, N., & Finger, R. (2022). Pesticide-free but not organic: adoption of a large-scale wheat production standard in Switzerland. Food Policy, 106, 102188.
Soane, Brennan D., Bruce C. Ball, Johan Arvidsson, Gottlieb Basch, Felix Moreno, und Jean Roger-Estrade. 2012. „No-Till in Northern, Western and South-Western Europe: A Review of Problems and Opportunities for Crop Production and the Environment.“ Soil and Tillage Research 118: 66-87
Wittwer, R. A., Bender, S. F., Hartman, K., Hydbom, S., Lima, R. A., Loaiza, V., … & Van Der Heijden, M. G. (2021). Organic and conservation agriculture promote ecosystem multifunctionality. Science Advances, 7(34), eabg6995.